Der Olivenöltest 2011

 

Frisch geschnittenes Gras, Schnittlauch, aufgeschnittene Tomatenscheiben, Basilikumblätter, Schale von grünen Äpfeln, Mandeln, Rosmarinnadeln, Artischockenherzen und das Fruchtfleisch unreifer Bananen: So ungefähr könnte man Duft und Geschmack eines exzellenten Olivenöls beschreiben, etwa des „Tenuta Orto“ aus Castelvetrano auf Sizilien, gepresst kurz nach der Ernte im Dezember 2010 aus der Olivensorte Nocellara del Belice. Ein Olivenöl, das man gern pur in den Mund nimmt, am Gaumen hin- und herrollt wie einen guten Wein und mit Freude hinunterschluckt – und dann verlangt man nach mehr. Olivenöl der Spitzenklasse bietet Glücksmomente für Nase und Gaumen, die man nicht vergisst.

 

Im neunten Jahr haben wir für den FEINSCHMECKER Olivenöle verkostet, und es sind diese Glücksmomente des Genusses, die uns jedes Mal erneut zu einem enormen Organisationsaufwand antreiben. Unsere Kolleginnen von der Datenbank schicken Briefe an über 2000 Olivenölproduzenten in über 20 Ländern rund um den Globus, in denen wir um Muster für unseren Test bitten. 2011 haben wir über 750 Olivenöle aus 13 Ländern erhalten, die wir mit einigen der namhaftesten Experten der Welt in Hamburg eine Woche lang – pur – im Blindtest probierten. Das Ergebnis – die diesjährigen Olio Award-Preisträger sowie die besten 50 Olivenöle des neuen Jahrgangs – finden Sie in DER FEINSCHMECKER-Ausgabe 06/2011.

 

Die besten 200 Öle inklusive Bezugsquellen finden Sie hier in unserem Olivenöl-Guide online.

 

Die reiche Auswahl hervorragender Olivenöle bietet viel Anlass zur Freude, auch wenn das vergangene Jahr 2010 seine Tücken hatte. Zwischen Umbrien, Toskana und Latium im Herzen Italiens beeinträchtigten ein verregneter Sommer und heftige Herbststürme Erntemenge und Qualität der Oliven. Die sonst so erfolgverwöhnte Toskana-Fraktion um Giorgio Franci, die Barone Ricasoli und Sonnino oder Castello di Ama erreichten in diesem Jahr nicht die gewohnte Aromenfülle und -intensität. Noch schlimmer traf es die Griechen. Bei unserem Besuch auf Kreta im Dezember ächzten die Bäume unter langer Trockenheit und sommerlichen Temperaturen von über 25 Grad – die Oliven reiften dadurch zu schnell und litten unter Insektenbefall. „Der Klimawandel bedroht uns“, schimpfte George Dimitriades, Chef der ökologisch arbeitenden Guts Biolea im Westen Kretas. Aufgrund der schwachen Aromen schaffte es in diesem Jahr leider kein griechisches Olivenöl unter die besten 50 Olivenöle.

 

Ein gutes Jahr hatten dafür die Olivenölproduzenten im Osten Siziliens. Auf den Höhenlagen bei Chiaramonte waren die Winter kalt und feucht, sodass die Oliven perfekt reifen und Fruchtigkeit entwickeln konnten. Längst etablieren sich auch die spanischen Produzenten in Andalusien als Top-Erzeuger, die mit Erfolg auf modernste Technik und sehr viel Know-how setzen. Erfreulich das Wiedersehen mit hervorragenden Olivenölen aus Portugal: Dort scheint eine längere Durststrecke überwunden.

 

Also alles gut für die Freunde des mediterranen (und sehr gesunden!) Lebensmittels? Nicht ganz. Denn an der desolaten Situation auf dem Olivenölmarkt hat sich nicht nur in Deutschland, sondern auch international kaum etwas verbessert. Noch immer werden minderwertige Olivenöle, oft zu Schleuderpreisen von unter drei Euro pro Halbliterflasche, als Produkt der höchsten Güteklasse „nativ extra“ verkauft. Keineswegs garantiert ist die Herkunft der Oliven: Auch wenn die EU-Verordnung eine klare Angabe verlangt, wird diese oft gefälscht, um Discountpreise zu ermöglichen – Oliven aus Nordafrika und dem Nahen Osten sind eben immer noch billiger als die aus Italien und Spanien.

 

Würden sich die Erzeugerverbände der Mittelmeerländer auf strenge Qualitätsnormen einigen – wie etwa deutsche Weinbauverbände – oder genaue Kontrollen bei der Ölqualität durchsetzen, würde sich für Feinschmecker ein Traum erfüllen. So aber bleibt die Lage, Brüsseler Verordnungen hin oder her, so desolat wie vor fünf Jahren, als DER FEINSCHMECKER zusammen mit der Fachzeitschrift „Merum“ das „Olivenöl-Manifest“ für eine bessere Qualitätskennzeichnung veröffentlichte. „Nach wie vor kann beim Olivenöl leicht betrogen werden“, erklärt Dr. Christian Gertz, der bedeutendste deutsche Ölanalytiker, vom Chemischen Untersuchungsamt Hagen.

 

Text: Kersten Wetenkamp

 

© DER FEINSCHMECKER



Oliven_1
olio award 2009